Frischer und knackiger denn je!

Bedauerlicherweise finden junge Menschen Chorgesang heutzutage eher langweilig. Würden sie einmal so einen Schmiss und eine ansteckende Singfreude erleben wie am Sonntagabend im Chorfestival „Chöre4Fun“ im Graf-Zeppelin-Haus, würde sie das vermutlich eines Besseren belehren. Der Männerchor Friedrichshafen-Fischbach und drei Gast-Chöre aus Netphen, Siegerland, haben mit einer musikalischen Vielfalt querbeet abwechslungsreiche Unterhaltung geboten und einmal mehr bewiesen, welche Freude Singen macht, für Sänger und Zuhörer gleichermaßen. Die begeisterten Reaktionen aus dem Saal waren der beste Beweis.


Der Netphener Frauenchor singt a cappella und hat die weiche, feine Art zu singen kultiviert. Sogar mit guten alten Volksliedern wie „Kein schöner Land“ oder „Jetzt gang i ans Brünnele“ kann er Staat machen. Hier zeigt sich vor allem auch, welch hohen Stellenwert die Artikulation einnimmt. Dadurch werden gerade die rhythmischen Stücke noch aussagekräftiger. Chordirektor Bernd Schneider leitet neben dem Frauenchor auch den Chor „fun4voices“, der mit unvergesslichen Pop-Klassikern wie „Da doo on ron“ oder „I’m walking“ Farbe und flotten Schwung herein bringt. Punkten kann der Chor vor allem mit dem schmissigen, stimmungshebenden „Barbar‘ Ann“ und auch der „kleine grüne Kaktus“ sticht nach allen Regeln der Kunst. Mit Hingabe pflegt der Netphener Männerchor unter der Leitung von Musikdirektor Alexander Weber gutes altes Liedgut wie „Zum Tanze da geht ein Mädel“ oder „Das Ringlein“.
Zu bewundern ist seine hohe Disziplin und sein geschliffener, ausgefeilter Gesang, mit dem die Sänger zu großer Kraft anschwellen und in zartestes Pianissimo wechseln können. Nur schade, dass sie mit ihren ernsten Gesichtern dem „Fun“, dem Spaß, nicht voll und ganz Ausdruck geben können. Wohl mit die schönsten Stücke an diesem Abend sind ihre mit viel Einfühlungsvermögen und Glaubenskraft gesungenen Spirituals „I will praise Thee, o Lord“ und „All night, all day“.

Pure Lebensfreude und geballte Manneskraft bei gleichzeitiger feiner Gesangskultur – das sind die Merkmale der vitalen und schwärmerischen Gesänge des Männerchores Friedrichshafen-Fischbach, der an diesem Abend zur Höchstform aufläuft und mit fein ausbalancierter weicher Chorfülle besticht. Kein einziges Lied kommt aus der Mottenkiste. Das gesamte Repertoire ist knackig frisch und modern. Damit kann man selbst den letzten Singmuffel hinter dem Ofen hervorlocken. Beim Einstudieren hat Hörmann auf viele Feinheiten und Details geachtet, was die wenigen bekannten Stücke ordentlich aufwertet. Die sechs neuen Stücke der Fischbacher sind eins ums andere richtige Schmankerl. Das ist gelebte, gefühlte Musik, gerade bei „I love you“ könnte der Schmelz nicht größer sein. Allen voran berühren sie mit einem traumhaft interpretierten „Kum ba yah“. Stellenweise klingt Peter Streckers Solo hier wie auf Samt gebettet. Auch er ist in Hochform und füllt den großen Saal mit seinem ausladenden volltönenden Bass.

Inbrünstiger denn je legt er seine Lieder aus, mit dem September Song von Kurt Weill betört er jedes Frauenherz und in „Exodus“ legt er dieses unnachahmliche brennende Verlangen nach der Heimat. Stolz kann der Männerchor Fischbach sein auf die allzeit hervorragende und einfühlsame Begleitung von Winfried Lichtscheidel am Flügel. Meisterchöre aus Netphen haben den Chorgesang mit neuem Leben gefüllt. Und der Männerchor Friedrichshafen-Fischbach? Der hat an diesem Abend seinen Meister gemacht.

Erschienen 22.09.2009 Südkurier
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